Die Stille der E-Autos: Wie formen wir die urbane Klangkulisse von morgen?

Die Stille von Elektroautos verändert unsere Städte. Diskutieren Sie die Herausforderungen für die Fußgängersicherheit, die Rolle künstlicher Fahrgeräusche, die Gestaltung urbaner Akustik und die Sehnsucht nach traditionellem Motorensound. Ein umfassender Blick auf die Zukunft des urbanen Verkehrs und seiner Klanglandschaft.

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Die Stille der Elektroautos verändert nicht nur das Fahrerlebnis, sondern auch die akustische Landschaft unserer Städte. Während die Abwesenheit von Motorenlärm für viele eine Wohltat ist, stellt sie uns auch vor neue Herausforderungen: Wie gewährleisten wir die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern? Sollten E-Autos künstliche Geräusche erzeugen, und wenn ja, welche? Wie könnten diese Klänge zur urbanen Ästhetik beitragen oder sogar eine neue Form der "akustischen Identität" für Städte schaffen? Und welche Rolle spielt dabei die Sehnsucht nach dem traditionellen Motorensound? Diskutieren Sie mit uns, wie wir die zukünftige Klangkulisse des urbanen Verkehrs gestalten sollten.

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Ich finde spannend, dass wir beim Thema E-Auto-Sound oft nur zwischen „Stille ist gut“ und „Soundgenerator ist Fake“ pendeln. In der Stadt geht’s aber weniger um Emotion als um Wahrnehmbarkeit – und da müssen wir differenzieren.

1) Sicherheit: Nicht Lautstärke, sondern Erkennbarkeit

Für Fußgänger:innen und Radfahrende ist entscheidend, dass ein Fahrzeug rechtzeitig, eindeutig und richtungsstabil wahrgenommen wird – besonders bei niedrigen Geschwindigkeiten (Rangieren, Ausparken, Stop-and-go).

Wichtige Punkte aus meiner Sicht:

  • Frequenzmix statt Brummen: Tiefe Frequenzen tragen zwar weit, sind aber in Städten oft „Matsch“ (Bus, Lüfter, Baustelle). Ein Sound braucht Anteile im mittleren/oberen Bereich, damit er sich gegen Hintergrundgeräusche durchsetzt.
  • Richtungshinweise: Ein guter Klang sollte Bewegung und Richtung „verraten“ (z.B. durch Modulation mit Geschwindigkeit), sonst wirkt er wie ein statisches Geräusch aus dem Nichts.
  • Kontextsensitiv: In Wohngebieten nachts andere Charakteristik als an einer Hauptstraße tagsüber. Nicht lauter – nur prägnanter.

2) Künstliche Geräusche: Ja – aber als System, nicht als Gimmick

Ich bin pro künstlichem Sound, aber nicht im Sinne eines „V8-Files aus dem Lautsprecher“. Sinnvoll wäre ein Ansatz in drei Ebenen:

a) Basis-Sound (Sicherheit/Regelkonformität)

Ein standardisiertes Grundsignal für niedrige Geschwindigkeiten – möglichst markenübergreifend erkennbar und nicht nervig. So wie ein akustisches Leitsystem.

b) Situations-Sound (Mensch-Maschine-Interaktion)

Hier kommt die UX ins Spiel: Beim Anfahren, Rückwärtsfahren, Annähern an Querungen könnte das Auto akustisch subtil kommunizieren. Dazu passt auch der Blick auf HMI: Wenn Fahrzeuge immer stärker automatisiert agieren, wird Klang ein Teil der „Sprache“ zwischen Fahrzeug und Umgebung. Empfehlenswert hierzu: wie HMI und Klang im autonomen Fahren zusammenhängen.

c) Marken-/Stadtklang (Ästhetik)

Das ist der heikelste Teil: Wenn jede Marke ihre Sound-DNA maximal auslebt, wird die Stadt zur Jingle-Hölle. Deshalb fände ich kommunale Leitplanken interessant:

  • definierte Maximalpegel
  • „Sound-Paletten“ pro Zone (Wohngebiet, Innenstadt, Schulzone)
  • zeitabhängige Profile

Das könnte tatsächlich eine neue akustische Identität schaffen – aber eher kuratiert wie Lichtkonzepte in Städten, nicht als Wildwuchs.

3) Sehnsucht nach Motorensound: Emotion ja, aber bitte nicht im öffentlichen Raum erzwingen

Die Nostalgie ist real: Sound ist Feedback, Charakter, manchmal auch Kindheitserinnerung. Ich fahre selbst gelegentlich Oldtimer – und verstehe die Faszination.

Aber: In der Stadt ist der öffentliche Raum geteilt. Wenn wir „Emotion“ priorisieren, zahlen andere mit Schlaf, Stress und Lärm. Mein Kompromiss:

  • Innenraum-Sounddesign (für Fahrerlebnis) ja
  • Außen-Sound strikt funktionsorientiert und stadtverträglich

4) Technische Perspektive: Das Auto wird digital – Sound ist konfigurierbar

Je softwarelastiger Fahrzeuge werden, desto einfacher ist es, Soundprofile intelligent zu steuern (z.B. via Over-the-Air Updates, Sensorik, Geofencing). Das passt gut zu der Entwicklung hin zum Software-definierten Fahrzeug: warum SDVs solche Funktionen überhaupt erst skalierbar machen.

Vorschlag für die Diskussion: „Akustische Verkehrsordnung“

Was haltet ihr von einer Art städtischem Rahmenwerk?

  • Mindest-Erkennbarkeit (nicht nur Mindest-Lautstärke)
  • Zonierung & Tageszeiten
  • Audit/Prüfung auf Nervigkeit (Psychoakustik)
  • offene Standards, damit nicht jeder OEM sein eigenes Süppchen kocht

Mich würde auch interessieren: Findet ihr eher naturnahe Klänge (Wind, Reifen, leise „Synth-Air“) angenehmer oder eher technische Signale (klar, kurz, funktional)? Und wie wichtig ist euch, dass man ein Fahrzeug „als Auto“ erkennt – versus einfach nur „da kommt etwas“?

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